Vorlesung: Philosophie und Poesie der Postmoderne (WS 2014/15)
Professor Dr. Albert Meier

›Tod des Autors‹

Die postmoderne Literaturtheorie basiert auf einer Dekonstruktion des traditionellen ›Autor‹- Begriffs, reflektiert also das Verhältnis zwischen Verfasser/Schreiber und Text. In diesem Zusammenhang geht es letztlich um die Frage, inwiefern eine traditionelle Kategorie wie ›Sinn‹ (durch Interpretation ermittelt) noch möglich ist und wie ein wissenschaftlicher Umgang mit Literatur auszusehen hat.

Generell wird in der postmodernen Poetik die ›Autorität‹ des Verfassers über seinen Text infrage gestellt; Roland Barthes hat für diese Relativierung das Schlagwort ›Tod des Autors‹ geprägt.

Roland Barthes: La mort de l’auteur (1968)

Der Semiotiker Roland Barthes ersetzt den Terminus auteur durch scripteur (›(Auf-)Schreiber‹) und spricht dem empirischen Verfasser eines Textes die Verfügungsgewalt über den Text-Sinn ab. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist, dass ein schriftlich vorliegender Text keine Sprecher-Stimme mehr erkennen lässt, weshalb die Frage »Wer spricht hier?« nicht mit Sicherheit zu beantworten ist.

Bisher seien ›Autor‹ und ›Werk‹ in einem chronologischen Verhältnis zueinander gesehen worden. – Der Autor würde seinem Text in gleicher Weise zeitlich vorausgehen wie ein Vater seinem Sohn; der Text wäre dann gewissermaßen das Prädikat zum Subjekt auteur. – Roland Barthes behauptet demgegenüber, dass der ›Schreiber‹ bzw. scripteur gleichzeitig mit seinem Text entstehe und daher nicht den Rang eines Subjekts einnehmen könne. Jeder Text (wörtlich: Gewebe) dürfe nicht als eine linear-eindimensionale Reihung von Wörtern verstanden werden, die in ihrer Abfolge einen dechiffrierbaren Sinn ergäben; als Geflecht heterogener Zitate gleiche jeder Text vielmehr einem mehrdimensionalen Raum, der auf keinen eindeutigen Ursprung mehr zurückführbar ist. Barthes zufolge ist es unmöglich, einen Text wie einen Geheimcode zu entziffern und so den darin versteckten Sinn aufzuzeigen. Man könne lediglich das ›Gewebe‹ entwirren bzw. es in seine vielfältigen Bestandteile zerlegen.

Damit hat der ›Tod‹ des Autors eine ›Geburt‹ des Lesers zur Folge, weil jeder Leser einen bestimmten Text nur immer auf seine eigene Weise lesen kann, ohne dabei auf die Autorität eines Autors verpflichtet zu sein (das ist nicht als Freibrief für Beliebigkeit jeglicher Lektüre zu verstehen, da das Entwirren eines Textes zumindest im Ansatz objektivierbar bleibt und immer voraussetzt, dass es selbstreflexiv = methodologisch bewusst geschieht).

Michel Foucault: Qu’est-ce qu’un auteur? (1969)

Foucault reagiert 1969 auf Barthes’ Überlegungen mit dem Einwand, dass sich auf den Begriff des Autors nicht ohne weiteres verzichten lasse, weil damit andere Begriffe untrennbar verbunden seien (namentlich ›Werk‹). Selbst der alternative Begriff écriture (›Schrift‹) könne das Problem nicht lösen, da jeder Schrift bzw. jedem schriftlichen Text ein empirischer Verfasser zugrunde liege, von dem sich nicht in jeder Hinsicht absehen lässt, eine Schreibfigur vorhanden sei und daher auch hier eine zentrale Schreibfigur impliziert sei.

Auch wenn längst akzeptiert sei, dass der empirische Verfasser eines Textes nicht mit der ›Autor-Instanz‹ gleichzusetzen sei, müsse die ›Funktion Autor‹ im literarischen Kontext weiterhin ernstgenommen werden. Zwar komme der Autor-Funktion nicht der Rang einer sinnstiftenden Instanz zu, doch limitiere und kanalisiere sie die Diskurse in einem Text. Diese Einsicht macht die ›Autor-Funktion‹ zu einer ideologischen Figur, die z. B. in einer bürgerlichen, idealistischen Konzeption keine andere Interpretationsmöglichkeit als die dechiffrierende Frage nach dem ursprünglichen Sinn zulässt.

Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben und kommentiert von Foris Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez und Simone Winko. Stuttgart 2000 (rub 18058), S. 185-197, hier S. 185.

Friedrich Nietzsche, Frühjahr 1888:

»Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projicirt als deren ›Ursache‹ …
In dem Phänomenalismus der ›inneren Welt‹ kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um.
Die Grundthatsache der ›inneren Erfahrung‹ ist, daß die Ursache imaginirt wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist.«

[Nietzsche, Friedrich: Nachgelassene Fragmente Anfang 1888 bis Anfang Januar 1889. In: (Ders.): Werke. Kritische Gesamtausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 8. Abteilung, 3. Band. Berlin/New York 1972, S. 253.]


Umberto Eco: Il nome della rosa (1980)

»A ben riflettere, assai scarse erano le ragioni che potessero inclinarmi a dare alle stampe la mia versione italiana di una oscura versione neogotica francese di una edizione latina secentesca di un’ opera scritta in latino da un monaco tedesco sul finire del trecento.«

[Eco, Umberto: Il nome della rosa. Milano 1980, S. 13f.]


»Der geneigte Leser möge bedenken: was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jh. gedruckten Ausgabe eines im 14. Jh. von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes.«

[Eco, Umberto: Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. München – Wien 1982, S. 10]


Roland Barthes: La mort de l’auteur (1968)

»Dans sa nouvelle Sarrasine, Balzac, parlant d’un castrat déguisé en femme, écrit cette phrase: ›C’était la femme, avec ses peurs soudaines, ses caprices sans raison, ses troubles instinctifs, ses audaces sans cause, ses bravades et sa délicieuse finesse de sentiments.‹«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur. In: Barthes, Roland: Œuvres complètes. Tome II: 1966-1973. Édition établie et présentée par Éric Marty. [Paris] 1994, S. 491-495, hier S. 491.]


»In Balzacs Novelle Sarrasine heißt es von einem als Frau verkleideten Kastraten: ›Es war das Weib mit seinen plötzlichen Ängsten, seinen grundlosen Launen, seinen ihren unwillkührlichen Verwirrungen, ihren unmotivierten Kühnheiten, ihren Wagnissen und ihrer reizenden Zartheit der Gefühle.‹«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 185.]


»Qui parle ainsi ?«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 491.]


»Wer spricht hier?«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 185.]


»[…] l’écriture est destruction de toute voix, de toute origine. L’écriture, c’est ce neutre, ce composite, cet oblique, où fuit notre sujet, le noir-et-blanc où vient se perdre toute identité, à commencer par celle-là même du corps qui écrit.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 491.]


»[…] weil die Schrift [écriture] jede Stimme, jeden Ursprung zerstört. Die Schrift ist der unbestimmte, uneinheitliche, unfixierbare Ort, wohin unser Subjekt entflieht, das Schwarzweiß, in dem sich jede Identität aufzulösen beginnt, angefangen mit derjenigen des schreibenden Körpers.«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 185.]


»L’Auteur, lorsqu’on y croit, est toujours conçu comme le passé de son propre livre: le livre et l’auteur se placent d’eux-mêmes sur une même ligne, distribuée comme un avant et un après: l’Auteur est censé nourrir le livre, c’est-à-dire qu’il existe avant lui, pense, souffre, vit pour lui; il est avec son œuvre dans le même rapport d’antécédence qu’un père entretient avec son enfant.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 493.]


»Der Autor – wenn man denn an ihn glaubt, wird immer als die Vergangenheit seines eigenen Buchs verstanden: Buch und Autor stellen sich in ein und dieselbe Reihe, unterschieden durch ein Vorher und Nachher. Der Autor ernährt vermeintlich das Buch, das heißt, er existiert vorher, denkt, leidet, lebt für das Buch. Er geht seinem Werk zeitlich voraus wie ein Vater seinem Kind.«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 189.]


»Tout au contraire, le scripteur moderne naît en même temps que son texte; il n’est d’aucune façon pourvu d’un être qui précéderait ou excéderait son écriture, il n’est en rien le sujet dont son livre serait le prédicat; il n’y a d’autre temps que celui de l’énonciation, et tout texte est écrit éternellement ici et maintenant.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 493.]


»Hingegen wird der moderne Schreiber im selben Moment wie sein Text geboren. Er hat überhaupt keine Existenz, die seinem Schreiben voranginge oder es überstiege; er ist in keiner Hinsicht das Subjekt, dessen Prädikat sein Buch wäre. Es gibt nur die Zeit der Äußerung, und jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben.«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 189.]


»Nous savons maintenant qu’un texte n’est pas fait d’une ligne de mots, dégageant un sens unique, en quelque sorte théologique (qui serait le ‹ message › de l’Auteur-Dieu), mais un espace à dimensions multiples, où se marient et se contestent des écritures variées, dont aucune n’est originelle: le texte est un tissu de citations, issues des mille foyers de la culture.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 493f.]


»Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ›Botschaft‹ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 190.]


»Dans l’écriture multiple, en effet, tout est à démêler, mais rien n’est à déchiffrer; la structure peut être suivie, ‹ filée › (comme on dit d’une maille de bas qui part) en toutes ses reprises et à tous ses étages, mais il n’y a pas de fond; l’espace de l’écriture est à parcourir, il n’est pas à percer; l’écriture pose sans cesse du sens mais c’est toujours pour l’évaporer: elle procède à une exemption systématique du sens.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 494.]


»Die vielfältige Schrift kann nämlich nur entwirrt, nicht entziffert werden. Die Struktur kann zwar in allen ihren Wiederholungen und auf allen ihren Ebenen nachvollzogen werden (so wie man eine Laufmasche verfolgen kann), aber ohne Anfang und ohne Ende. Der Raum der Schrift kann durchwandert, aber nicht durchstoßen werden. Die Schrift bildet unentwegt Sinn, aber nur, um ihn wieder aufzulösen.«

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 191.]


»[…] nous savons que, pour rendre à l’écriture son avenir, il faut en renverser le mythe: la naissance du lecteur doit se payer de la mort de l’Auteur.«

[Barthes, Roland: La mort de l’auteur (Anm. 5), S. 495.]


»Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors

[Barthes, Roland: Der Tod des Autors (Anm. 1), S. 192.]


Michel Foucault: Qu’est-ce qu’un auteur? (1969)

»‹ Qu’importe qui parle? › En cette indifférence s’affirme le principe éthique, le plus fondamental peut-être, de l’écriture contemporaine. L’efface-ment de l’auteur est devenu, pour la critique, un thème désormais quotidien. Mais l’essentiel n’est pas de constater une fois de plus sa disparition; il faut repérer, comme lieu vide – à la fois indifférent et contraignant – , les emplacements où s’excerce sa fonction.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? In: (Ders.): Dits et écrits. Herausgegeben von Daniel Detert und François Ewald. Bd. I: 1954-1988. Paris 1994, S. 789-812, S. 789.]


»›Wen kümmert’s, wer spricht?‹ In dieser Gleichgültigkeit äußert sich das wohl grundlegendste ethische Prinzip zeitgenössischen Schreibens. Das Zurücktreten des Autors ist für die Kritik zu einem mittlerweile alltäglichen Thema geworden. Wesentlich ist jedoch nicht, einmal mehr sein Verschwinden festzustellen, sondern als – ebenso gleichgültige wie zwingende – Leerstelle die Orte ausfindig zu machen, an denen er seine Funktion ausübt.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben und kommentiert von Foris Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez und Simone Winko. Stuttgart 2000 (rub 18058), S. 198-229, hier S. 198.]


»[…] il me semble qu’ un certain nombre de notions qui sont aujourd’hui destinées à se substituer au privilège de l’auteur le bloquent, en fait, et esquivent ce qui devrait être dégagé. La notion d’œuvre, d’abord.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 793f.]


»[…] es scheint mir, daß eine Reihe von Begriffen, die heute das Privileg des Autors ersetzen sollen, es eigentlich blockieren und das umgehen, was im Grunde ausgeräumt sein sollte. […] Zunächst der Begriff Werk.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 204f.]


»Si un individu n’était pas un auteur, est-ce qu’on pourrait dire que ce qu’il a écrit, ou dit, ce qu’il a laissé dans ses papiers, ce qu’on a pu rapporter de ses props, pourrait être appelé une ‹ œuvre ›?«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 794.]


»Wenn nicht ein Individuum Autor wäre, könnte man dann sagen, daß das, was es geschrieben oder gesagt hat, das, was es in seinen Papieren hinterlassen hat, das, was man aus seinen Äußerungen anführen kann, ›Werk‹ genannt werden könnte?«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 205.]


»Mais supposons qu’on ait affaire à un auteur : est-ce que tout ce qu’il a écrit ou dit, tout ce qu’il a laissé derrière lui fait partie de son œuvre? […] Quand on entreprend de publier, par exemple, les œuvres de Nietzsche, où faut-il s’arrêter? Il faut tout publier, bien sûr, mais que veut dire ce ‹ tout ›? […] Mais quand, à l’intérieur d’un carnet rempli d’aphorismes, on trouve une référence, l’indication d’un rendez-vous ou d’une adresse, une note de blanchisserie : œuvre, ou pas œuvre? Mais pourquoi pas?«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 794.]


»Aber nehmen wir an, daß man es mit einem Autor zu tun hat: ist alles, was er geschrieben hat, Teil seines Werks? […] Wenn man zum Beispiel an die Veröffentlichung der Werke Nietzsches geht, wo soll man Halt machen? […] Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen Bezug, einen Hinweis auf ein Rendez-vous oder eine Adresse oder eine Wäschereirechnung findet: Werk oder nicht Werk? Aber warum nicht?«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 205.]


»Une autre notion, je crois, bloque le constat de disparition de l’auteur et retient en quelque sorte la pensée au bord de cet effacement; avec subtilité, elle préserve encore l’existence de l’auteur. C’est la notion d’écriture.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 795.]


»Ich glaube, noch ein anderer Begriff blockiert die Feststellung vom Verschwinden des Autors und hält das Denken in gewisser Weise am Rande dieses Verlöschens fest; listenreich sichert er noch immer das Fortleben des Autors. Es handelt sich um den Begriff Schreiben.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 206.]


»Je me demande si, réduite parfois à un usage courant, cette notion [écriture] ne transpose pas, dans un anonymat transcendantal, les caractères empiriques de l’auteur.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 795.]


»Ich frage mich, ob dieser Begriff [écriture], wenn er wie manchmal auf seinen landläufigen Gebrauch reduziert ist, nicht die empirischen Charakterzüge des Autors in eine transzendentale Anonymität überträgt.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 206.]


»On sait bien que dans un roman qui se présente comme le récit d’un narrateur, le pronom de première personne, le présent de l’indicatif, les signes de la localisation ne renvoient jamais exactement à l’écrivain, ni au moment où il écrit ni au geste même de son écriture; mais à un alter ego dont la distance à l’écrivain peut être plus ou moins grande et varier au cours même de l’œuvre. Il serait tout aussi faux de chercher l’auteur du côté de l’écrivain réel que du côté de ce locuteur fictif ; la fonction-auteur s’effectue dans la scission même – dans ce partage et cette distance.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 803.]


»Es ist bekannt, daß in einem Roman, der so aussieht wie der Bericht eines Erzählers, das Personalpronomen in der ersten Person, das Präsens Indikativ, die Zeichen für die Ortsbestimmung nie genau auf einen Schriftsteller verweisen, weder auf den Augenblick, in dem er schreibt, noch auf die Schreibgeste; sondern auf ein alter ego, dessen Distanz zum Schriftsteller verschieden groß sein und im selben Werk auch variieren kann. Es wäre also ebenso falsch, wollte man den Autor beim wirklichen Schriftsteller oder auch beim fiktionalen Sprecher suchen; die Funktion Autor vollzieht sich gerade in diesem Bruch – in dieser Trennung und dieser Distanz.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 217.]


»Nous avons coutume de dire […] que l’auteur est l’instance créatrice jaillissante d’une œuvre où il dépose, avec une infinie richesse et générosité, un monde inépuisable de significations. Nous sommes accoutumés à penser que l’auteur est si différent de tous les autres hommes, tellement transcendant à tous les langages, qu’aussitôt qu’il parle le sens prolifère et prolifère indéfiniment.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 811.]


»Wir sind es gewohnt […], daß der Autor der geniale Schöpfer eines Werks ist, in dem er mit unendlichem Reichtum und unendlicher Großzügigkeit eine unerschöpfliche Welt von Bedeutungen niedergelegt hat. Wir sind es gewohnt zu denken, daß der Autor so anders ist als alle anderen Menschen und so transzendent bezüglich aller Sprachen, daß, sobald er spricht, Bedeutung beginnt, sich zu vermehren, sich unendlich zu vermehren.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 228.]


»La vérité est tout autre : l’auteur n’est pas une source indéfinie de significations qui viendraient combler l’œuvre, l’auteur ne précède pas les œuvres. Il est un certain principe fonctionnel par lequel, dans notre culture, on délimite, on exclut, on sélectionne : bref, le principe par lequel on entrave la libre circulation, la libre manipulation, la libre composition, décomposition, recompo-sition de la fiction.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 811.]


»Genau das Gegenteil ist wahr: Der Autor ist nicht die unendliche Quelle an Bedeutungen, die ein Werk füllen; der Autor geht den Werken nicht voran, er ist ein bestimmtes Funktionsprinzip, mit dem, in unserer Kultur, man einschränkt, ausschließt und auswählt; kurz gesagt, mit dem man die freie Zirkulation, die freie Handhabung, die frei Komposition, Dekomposition und Rekomposition von Fiktion behindert.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 228.]


»L’auteur est donc la figure idéologique par laquelle on conjure la prolifération du sens.«

[Foucault, Michel: Qu’est-ce qu’un auteur? (Anm. 21), S. 811.]


»Der Autor ist demnach die ideologische Figur, mit der man die Art und Weise kennzeichnet, in der wir die Vermehrung von Bedeutung fürchten.«

[Foucault, Michel: Was ist ein Autor? (Anm. 22), S. 229.]


Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko: Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern (1999)

»Der Verdacht drängt sich auf, dass die theoretische Reflexion über den Autor zentralen Formen des wissenschaftlichen Umgangs mit literarischen Texten nicht gerecht wird. Die Praxis der Interpretation(en) literarischer Texte demonstriert vielmehr legitime, ja notwendige Verwendungsweisen des Autorbegriffs, die von der Theoriediskussion nicht angemessen wahrgenommen werden. Diese Verwendungsweisen lassen sich nicht nur historisch rekonstruieren. Sie können und sollten, so meinen wir, auch systematisch gerechtfertigt werden. Das ist ein wichtiges Anliegen unseres Bandes.«

[Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko: Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern. In: (Dies.:) Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen 1999, S. 3-35, hier S. 4.]


»Beim augenblicklichen Stand der Diskussion kann man Autorennamen nicht mehr ›barbarisch‹ verwenden, wie Foucault es nennt. Ebensowenig kann man aber bereits die notwendige Einschränkung in der Verwendungsweise des Autorbegriffs präzise angeben: Das Nachfolgende kann also nicht mehr sein als die Wiederaufnahme eines Verfahrens, das schon abgeschlossen schien.«

[Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko: Rede über den Autor an die Gebildeten unter seinen Verächtern. (Anm. 38), S. 35.]