Postmoderne Literatur

Die literarische Postmoderne lässt sich mit gutem Recht »als derjenige Raum ästhetischen Aus­drucks beschreiben, in welchem French Theory auf die Spielmöglichkeiten und Ironiepostulate einer nachavantgardistischen Schreibweise à l’américaine trifft«.[1] Wer in diesem Sinn an Dichtung denkt, dem stehen zumeist Romane vor Augen. Diese Einschränkung zeugt nicht notwendig von mangelnder Tiefenschärfe der literaturgeschichtlichen Bildung, die Gedichte bzw. Theaterstücke hinter blinden Flecken oder in toten Winkeln verschwinden ließe. Vielmehr spielt sich die poetische Postmoderne in der Tat hauptsächlich im Medium des Romans ab und hat in anderen Gattungen vergleichsweise wenig bewirkt.

Was den Roman zur Postmodernität prädestiniert (vgl. S. 91), ist zum einen die mit seinem schieren Umfang verbundene Komplexität, zum anderen die der Gattung gewissermaßen angeborene Popularität. Die Weitläufigkeit eines Romans bietet dem Spiel der Intertextualität mehr Raum als die Knappheit der Lyrik und erlaubt zugleich ein Changieren zwischen Fiktionalität und Faktualität, wie es dem körperhaft-präsenten Drama schwerlich gelingt. Darüber hinaus ist der formal immer laxe Roman bis ins 19. Jahrhundert hinein dem guten Geschmack schon aus dem Grund verdächtig gewesen, dass seine amourösen Abenteuer in pittoreskem Ambiente das ständeübergreifende Interesse an Unterhaltung besser bedienen als jedes Erzählen in Versen. Demgemäß hat bereits die Romantik den ihr namensverwandten ›Roman‹ in seiner Volkstümlichkeit par excellence[2] zum Leitmedium erhoben. Die postmoderne Leitstrategie der doppelten Codierung schließt daran zwanglos an und führt die romantische Aufwertung des Romans folgerichtig weiter.

 

[1] Birnstiel, Klaus / Schilling, Erik: Einleitung: Postmodernes Erzählen und Konsequenzen für die Theorie. In: Birnstiel, Klaus / Schilling, Erik (Hrsgg.): Literatur und Theorie seit der Post­moderne. Mit einem Nachwort von Hans Ulrich Gumbrecht. Stuttgart 2012, S. 83-91, hier S. 88.

[2] »Denn romanisch, Romance, nannte man die neuen aus der Vermischung des Lateinischen mit der Sprache der Eroberer entstandenen Dialekte; daher Romane, die darin geschriebenen Dichtungen, woher denn romantisch abgeleitet ist, und ist der Charakter dieser Poesie Verschmelzung des Altdeutschen mit dem späteren, d. h. christlich gewordenen Römischen« (Schlegel, August Wilhelm: Geschichte der romantischen Literatur. In: Schlegel, August Wilhelm: Kritische Schriften und Briefe. Band IV. Herausgegeben von Edgar Lohner. Stuttgart 1965, S. 22f.).

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