ab ovo

lat. ›vom Ei an‹; neben dem Erzählen medias in res eine seit der Antike praktizierte Form des Romanbeginns: Erzählen vom Ursprung der Handlung an (als ›natürliche‹ Erzählstrategie prädestiniert für den ›niederen‹ Roman)

aemulatio

(f.), wetteiferndes Nachahmen mit dem Ziel der Überbietung des Vorbilds, eines der Grundprinzipien speziell der deutschen Barock-Dichtung. Vgl. auch imitatio/Imitation

Autopoeisis

griech. autós: ›selbst‹, griech. poieín: ›machen‹, ›erzeugen‹; ursprünglich in der Biologie/Neurophysiologie entwickelter Begriff aus der Systemtheorie; Systeme können autopoietisch sein, d.h. sich selber bilden (Beispiel: das System ›Maus‹ generiert und reproduziert sich aus Mäusen); ein autopoietisches System ist ein selbstreferenziell-geschlossener Zusammenhang von Operationen

discours

frz. für ›Rede‹, ›Vortrag‹; Begriff der Erzähltheorie, der das ›Wie‹ des Erzählens bezeichnet; die Präsentationsformen, mittels derer eine Geschichte dargeboten wird; berücksichtigt u.a. die Anordnung des Erzählten (Vorgriffe, Rückblenden etc.) und die Erzählperspektive; kann von der histoire erheblich abweichen frz.

Epos

griech. ›Wort‹, ›Erzählung‹; narrative Großform in Versen

 

Ereignis

Begriff der strukturalen Erzähltheorie (Strukturalismus); nach Jurij M. Lotman konstitutives Element von narrativen Strukturen; eine narrative Struktur liegt genau dann vor, wenn der (verbale oder non-verbale) Text (mindestens) ein Ereignis mitteilt; ein Ereignis liegt genau dann vor, wenn eine Figur über die Grenze zweier semantischer Räume versetzt wird (Grenzüberschreitung). Lotman unterscheidet zwischen normalen Ereignissen und Metaereignissen; normale Ereignissen liegen vor, wenn eine Figur die Grenze zwischen zwei semantischen Räumen überschreitet, die Ordnung der Welt aber intakt bleibt (d.h.: vor wie nach dem Ereignis existieren dieselben semantischen Räume); Metaereignisse sind Ereignisse, bei denen nicht nur eine Figur in einen anderen semantischen Raum übergeht, sondern das System der semantischen Räume, d.h. die ideologische Ordnung der dargestellten Welt, transformiert wird

 

Falkentheorie

(f.), von P. Heyse im Anschluss an eine Analyse der ›Falkennovelle‹ aus Boccaccios Decamerone (5. Tag, 9. Geschichte) entwickelte Novellentheorie, die für jede Novelle einen ›Falken‹ fordert, d.h. ein prägnantes Motiv als Mittelpunkt der Erzählung. Die jüngere Forschung stellt die Haltbarkeit der Falkentheorie in Frage, da sie einseitig-normativ verfährt.

Grenzüberschreitung

Begriff aus der strukturalen Erzähltheorie von Jurij M. Lotman (Strukturalismus). Um die narrative Struktur eines Textes zu bestimmen, nimmt Lotman räumliche Strukturen in den Blick. Eine Grenzüberschreitung liegt genau dann vor, wenn eine Figur über die Grenze zwischen zwei semantischen Räumen versetzt wird; diese Grenzüberschreitung kann die Figur willentlich und aktiv oder unwillentlich und passiv vornehmen (z.B. vom Leben zum Tod: a) willentlich: Selbstmord, b) unwillentlich: Ermordung). Vgl. auch Ereignis

histoire

frz. für ›Geschichte‹; Begriff der Erzähltheorie, der das ›Was‹ des Erzählens beschreibt; im Unterschied zum discours bezeichnet die histoire die erzählte Geschichte, d.h. die vom konkret vorliegenden Text abstrahierbare Menge von Ereignissen in ihrer logisch-chronologischen Ordnung; entspricht in etwa dem Begriff fabula im Russischen Formalismus und dem englischen plot (oder: story)

Invocatio

(f.): ›Anrufung‹; Anrufung der Musen, der Götter oder Gottes meist am Beginn von Epen oder Gedichten; auch die Anrufung Gottes oder der Heiligen in der Eingangsformel von Urkunden. Beispiel: Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene / Götterruhe dir oft […] (Hölderlin: Abbitte).