Archetyp

lat. ›Urbild‹; Begriff der Editionswissenschaft: die älteste Textstufe, die sich aus der Überlieferung erschließen lässt und die gemeinsame Vorlage aller erhaltenen Handschriften bildet; nicht identisch mit dem (verloren gegangenen) Autortext, kommt diesem aber mutmaßlich am nächsten

 

 

autorisierter Text

Begriff aus der Editionswissenschaft: a) alle Autographen, d.h. alle vom Autor des Textes selbst angefertigten Niederschriften; b) die in seinem Auftrag und unter seiner Aufsicht hergestellten Abschriften; c) die von ihm gebilligten Drucke

Emendation

lat. ›emendatio‹ = ›Verbesserung‹; bezeichnet in der Editionswissenschaft die Korrektur von eindeutigen Fehlern der Leithandschrift mit Hilfe anderer Handschriften

 

Filiation

Arbeitsschritt in der klassischen Textkritik (Editionswissenschaft); bezeichnet die Hierarchisierung der ausgewerteten und miteinander verglichenen Textzeugen (Maßstab: Nähe zum Archetyp); Darstellung der Filiation mit Hilfe eines Stemmas

 

Heuristik

Arbeitsschritt in der klassischen Textkritik (Editionswissenschaft): bezeichnet das Sammeln der Textzeugen

Kollation

lat. ›collatio‹ = ›Zusammentragen‹, ›Vergleichung‹; Arbeitsschritt der klassischen Textkritik (Editionswissenschaft); bezeichnet den Vergleich (Wort für Wort) der gesammelten und ausgewerteten Textzeugen

Konjektur

lat. ›coniectura‹ = ›Vermutung‹; Eingriff in die Leithandschrift: Korrektur von ›Fehlern‹, die bereits für den Archetyp angesetzt werden, d.h. von vermuteten Fehlern, die dem Autor nicht zugetraut werden, für die es aber in der Überlieferung keine Beweise gibt (anders als im Falle der Emendation, bei der die Korrektur von Fehlern durch die übrige Überlieferung gestützt ist)

 

Kontamination

lat. ›contaminare‹: ›durch Berührung/Vermischung verderben‹; Begriff der Editionswissenschaft: bezeichnet das Phänomen der Textmischung, das eintritt, wenn eine Abschrift nicht nur auf einen Textzeugen, sondern auf mehrere Vorlagen zurückzuführen ist bzw. wenn einer Edition unterschiedliche Textzeugen zugrunde gelegt werden

 

lectio difficilior

lat. ›schwierigere Lesart‹; methodisches Prinzip in der Editionswissenschaft: bei der Bestimmung des Archetyps wird die seltenere und schwerer erklärbare Variante als besser und ursprünglicher betrachtet; beruht auf der Hypothese, dass dem tatsächlichen Autor die komplizierteste Variante zuzutrauen sei

 

lectio facilior

Gegenbegriff zur lectio difficilior